Ein Depot kann jahrzehntelang stabil wachsen – und trotzdem in der Entnahmephase Probleme machen. Der Grund ist oft nicht „zu wenig Rendite“, sondern Timing: Wenn zu Beginn der Auszahlungen schlechte Börsenjahre kommen, müssen trotz fallender Kurse Anteile verkauft werden. Dadurch schrumpft das Depot schneller, und spätere Erholungen wirken auf eine kleinere Basis.
Genau hier greift das Reihenfolgerisiko (englisch: Sequence of Returns Risk). Es betrifft vor allem Menschen, die monatlich oder jährlich aus Aktien- oder Mischportfolios Geld ziehen – etwa im Ruhestand, in einer Auszeit oder zur teilweisen Finanzierung von Lebenshaltungskosten.
Was bedeutet Reihenfolgerisiko beim Auszahlen?
Reihenfolgerisiko beschreibt, dass nicht nur die durchschnittliche Rendite zählt, sondern auch die Reihenfolge der Jahresrenditen. Zwei Depots können über 15 Jahre die gleiche Durchschnittsrendite erreichen – aber wenn im einen Depot die Verlustjahre am Anfang liegen, kann der Auszahlplan deutlich früher scheitern.
Warum Entnahmen Verluste „festschreiben“ können
In der Ansparphase ist ein Crash oft unangenehm, aber nicht zwingend existenziell: Es fließt weiter Geld nach (Sparplan), und es wird nichts verkauft. In der Entnahmephase ist es anders: Es muss regelmäßig Liquidität entstehen. Wer dann Anteile verkauft, realisiert Verluste und reduziert die Stückzahl. Erholt sich der Markt später, profitiert das Depot weniger, weil weniger Anteile übrig sind.
Einfaches Beispiel: Fällt ein Depot von 500.000 auf 400.000 Euro und es werden zusätzlich 20.000 Euro entnommen, startet die mögliche Erholung auf Basis von 380.000 Euro statt 400.000 Euro. Dieser Effekt verstärkt sich, wenn mehrere schwache Jahre am Stück kommen.
Für wen das Risiko besonders relevant ist
- Menschen mit hohem Aktienanteil, die sofort nach Rentenbeginn entnehmen
- Depots ohne Liquiditätsreserve (kein „Puffer“ für schlechte Jahre)
- Starre Entnahmeregeln (z. B. immer derselbe Euro-Betrag)
- Portfolios mit Konzentrationsrisiken (z. B. wenige Einzelaktien)
Welche Entnahmeregeln es gibt – und wo ihre Schwächen liegen
Viele Entnahmestrategien klingen einfach, haben aber typische Fallstricke. Wichtig ist, Regeln zu wählen, die in schlechten Marktphasen nicht automatisch zu erzwungenen Verkäufen führen.
Fester Euro-Betrag: planbar, aber anfällig
Ein fixer Auszahlbetrag (z. B. 1.500 Euro pro Monat) ist komfortabel für die Budgetplanung. Das Problem: Bei starken Kursrückgängen bleibt die Entnahme gleich, obwohl das Depot temporär kleiner ist. Dadurch steigt die Entnahmequote (Entnahme im Verhältnis zum Depotwert) genau dann, wenn es am meisten schmerzt.
Prozentregel: flexibler, aber nicht immer alltagstauglich
Wer jedes Jahr einen festen Prozentsatz entnimmt (z. B. 3–4% vom Depotwert), reduziert automatisch die Entnahme nach Kursverlusten. Das senkt das Risiko, das Depot „leer zu entnehmen“, kann aber im Alltag zu stark schwankenden Auszahlungen führen.
Bandbreiten-Regeln: ein pragmatischer Mittelweg
In der Praxis nutzen viele eine Bandbreite: Entnahmen dürfen steigen oder fallen, aber nur innerhalb eines Korridors (z. B. maximal +5% oder −10% pro Jahr). So bleibt der Lebensstandard relativ stabil, während das Depot in Krisen weniger stark belastet wird.
Die wichtigsten Stellschrauben gegen Reihenfolgerisiko
Es gibt mehrere Hebel, die das Reihenfolgerisiko messbar entschärfen können. Sie ersetzen keine Marktrisiken – aber sie reduzieren das Risiko, in der falschen Phase zu viel verkaufen zu müssen.
1) Cash-Puffer: Auszahlungen nicht aus Aktien erzwingen
Ein Liquiditätspuffer (z. B. Tagesgeld oder Geldmarktnähe) kann helfen, schwache Börsenphasen zu überbrücken. Statt im Crash Aktien zu verkaufen, wird die Entnahme vorübergehend aus dem Puffer bezahlt. Der Puffer wird später – in besseren Marktphasen – wieder aufgefüllt.
Wichtig: Ein Puffer ist keine Renditequelle, sondern eine Stabilitätskomponente. Wer tiefer einsteigen will, findet passende Grundlagen zur Einordnung von Cash im Depot bei Bargeld fürs Depot: Cash-Management als Anlagestrategie.
2) Dynamische Entnahmen: an Märkte und Depotzustand koppeln
Ein dynamischer Entnahmeplan definiert Regeln, wann die Auszahlung sinkt oder pausiert. Das kann z. B. an einen Depot-Schwellenwert gekoppelt sein: Wenn das Depot unter eine definierte Marke fällt, wird weniger entnommen. Das klingt zunächst unbequem, kann aber enorme Stabilität bringen.
3) Rebalancing als Entnahme-Helfer
Rebalancing (Rückführung auf Zielquoten) kann in der Entnahmephase doppelt nützlich sein: Entnahmen werden bevorzugt aus den gut gelaufenen Teilen des Depots genommen. So reduziert sich das Risiko, Verlierer „kaputt zu verkaufen“.
Praxisnah erklärt ist das Vorgehen in Rebalancing im Depot: Strategie, Regeln und Praxis.
4) Auszahl-Reihenfolge: Welche Positionen werden zuerst verkauft?
Die Entnahmequelle ist eine unterschätzte Entscheidung. Typische Ansätze:
- Cash zuerst: erst Puffer nutzen, danach Anleihen/defensive Bausteine, zuletzt Aktien
- Pro-rata: aus allen Bausteinen anteilig entnehmen (ähnelt Rebalancing)
- Gewinner zuerst: Gewinne realisieren, um Risiko zu reduzieren (kann sinnvoll sein, ist aber steuerlich und strategisch zu prüfen)
Welche Reihenfolge passt, hängt stark davon ab, wie das Depot strukturiert ist und wie stabil die Entnahme sein soll. Starre Regeln ohne Blick auf Steuern und Risikostruktur sind häufig der Fehler.
So geht’s: Entnahmephase robust aufsetzen
- Zahlungsbedarf klären: monatliche Netto-Lücke bestimmen (nach Rente, Mieteinnahmen etc.).
- Auszahlrhythmus wählen: monatlich für Alltag, quartalsweise für weniger Handelsaufwand.
- Puffer definieren: festlegen, wie viele Monate/Jahre Entnahmen ohne Aktienverkäufe möglich sein sollen.
- Regel für schlechte Jahre: z. B. Entnahme um X% senken, wenn Depot unter Schwelle fällt.
- Entnahmequelle festlegen: pro-rata oder über Rebalancing-Logik (erst Übergewichte abbauen).
- Einmal pro Jahr prüfen: Entnahme, Quoten, Steuern und Pufferstand aktualisieren.
Mini-Fallbeispiel: Zwei Entnahmepläne, zwei Verläufe
Angenommen, ein Depot startet mit 600.000 Euro und soll langfristig 2.000 Euro pro Monat liefern. Nun kommt zu Beginn eine schwache Marktphase.
Variante A: starre Entnahme ohne Puffer
Die 2.000 Euro werden jeden Monat durch Verkauf von Fondsanteilen finanziert. In einem Kursrückgang werden mehr Anteile verkauft als in normalen Zeiten. Das Depot erholt sich später, aber auf kleinerer Stückzahl. Ergebnis: Die Wahrscheinlichkeit steigt, dass später stärker gekürzt werden muss.
Variante B: Puffer + Bandbreite
Ein Teil liegt als Puffer. Während der schwachen Phase kommen die Entnahmen überwiegend daraus. Gleichzeitig wird die Entnahme innerhalb einer Bandbreite leicht reduziert. Wenn die Märkte sich beruhigen, kann der Puffer schrittweise wieder aufgebaut werden. Ergebnis: weniger Zwangsverkäufe und meist stabilerer Depotverlauf.
Welche Rolle spielen Kosten, Spreads und Order-Timing?
Bei regelmäßigen Verkäufen fallen praktische Dinge stärker ins Gewicht: Gebühren, Spreads (Differenz zwischen Kauf- und Verkaufskurs) und Handelszeiten. Wer ungünstig verkauft, verschenkt nicht selten kleine Beträge – die sich über viele Jahre summieren können.
Hilfreich ist, Verkäufe eher in liquiditätsstarken Zeiten zu platzieren und mit Limits zu arbeiten. Details dazu passen gut zu ETF-Spread verstehen: So erkennst du versteckte Handelskosten und Handelszeiten an der Börse: Wann Orders wirklich sinnvoll sind.
Praxis-Tipp: Entnahmen bündeln
Wer nicht zwingend monatlich verkaufen muss, kann Verkäufe bündeln (z. B. quartalsweise) und den Alltag über das Verrechnungskonto steuern. Das reduziert Handelsaufwand und kann Kosten senken. Wichtig ist dann aber, dass genug Liquidität auf dem Konto liegt, um Schwankungen abzufangen.
Steuern und Entnahmen: worauf in Deutschland zu achten ist
Entnahmen sind nicht automatisch „steuerfrei“. Steuern fallen an, wenn durch Verkäufe Gewinne realisiert werden oder wenn Ausschüttungen zufließen. Wie hoch die Steuerlast ist, hängt u. a. vom Einstandskurs (Kaufpreis) und von bereits genutzten Freibeträgen ab.
Typische Stolperfallen
- Freibeträge (Sparer-Pauschbetrag) bleiben ungenutzt, weil zu spät geplant wird.
- Es werden ausgerechnet Positionen verkauft, die hohe steuerpflichtige Gewinne enthalten, obwohl Alternativen vorhanden wären.
- Die Steuer wird nicht als Liquiditätsbedarf eingeplant (z. B. für Verkäufe am Jahresende).
Für die Grundlagen kann der Überblick zur Abgeltungsteuer im Depot helfen. Der Artikel hier bleibt bewusst allgemein und ersetzt keine steuerliche Beratung.
Häufige Fehler beim Auszahlplan – und wie sie sich vermeiden lassen
Entnahme startet ohne „Schlechtwetter-Regel“
Viele Auszahlpläne funktionieren in normalen Jahren – und kippen in Ausnahmesituationen. Eine einfache Regel (z. B. temporär reduzieren) ist oft besser als gar keine.
Zu komplexe Konstruktionen
Ein ausgefeiltes Regelwerk bringt wenig, wenn es im Alltag nicht umgesetzt wird. Eine robuste Lösung ist meist: überschaubare Regeln, einmal jährlich prüfen, ansonsten laufen lassen.
Risiko wird nur über die Entnahme gesteuert
Manchmal ist nicht die Entnahme das Hauptproblem, sondern das Depot selbst (z. B. zu hohe Aktienquote für den Bedarf). Dann ist die Stellschraube eher die Portfolio-Struktur als die Entnahmeregel.
FAQ: Auszahlplan und Reihenfolgerisiko
Ist Reihenfolgerisiko nur ein Thema im Ruhestand?
Nein. Es betrifft alle Phasen, in denen regelmäßig Geld entnommen wird: Sabbatical, Teilzeit, Immobilienfinanzierung über Depotentnahmen oder auch eine längere Selbstständigkeit mit schwankendem Einkommen.
Kann ein hoher Aktienanteil trotzdem funktionieren?
Ja, aber die Entnahmeregeln müssen dazu passen. Ein hoher Aktienanteil erhöht Schwankungen; ohne Puffer oder flexible Entnahmen steigt das Risiko, in schwachen Phasen ungünstig zu verkaufen.
Hilft ein Entnahmeplan mit festen Prozenten immer?
Er reduziert das Risiko, das Depot in Crashphasen zu stark zu belasten, kann aber zu stark schwankenden Auszahlungen führen. Für viele ist eine Bandbreite alltagstauglicher.
Welche Kennzahl ist für die Planung nützlich?
Praktisch ist die Entnahmequote: Entnahme pro Jahr geteilt durch den aktuellen Depotwert. Sie zeigt, ob der Plan in stressigen Jahren „zu aggressiv“ wird. Eine Formel im Alltag: Entnahmequote = Jahresentnahme / Depotwert.
Hinweis: Die Inhalte dienen der Information und sind keine Finanzberatung. Geldanlage an der Börse ist mit Risiken bis hin zum Verlust des eingesetzten Kapitals verbunden.
